Unbundling – Fernsehen entpackt

Fernsehen ist nicht mehr das was es einmal war – und das ist gut so. Schliesslich leben und arbeiten wir heute auch nicht mehr wie vor 20 Jahren. Bestimmte das Fernsehen früher einen Teil unseres Tagesablaufs; Lottozahlen um kurz vor Acht, Nachrichten um Acht, Spielfilm um viertel nach Acht und um Mitternacht war Schluss mit Lustig – so hat sich das heute gründlich geändert.

Die Digital Natives, dieses medienvagabundierende Pack, kümmern sich einen Dreck um vorgegebene Sendezeiten oder unumstössliche Programmstrukturen. Geprägt von der grenzenlosen Freiheit des Internet und ausgestattet mit einer freiheitlich demokratischen Einstellung, rütteln sie an den Grundfesten fest etablierter Sendeabläufe. Sie setzen sich einfach über die langjährigen Erfahrungen hochqualifizierter Programmmacher hinweg. In einer Zeit in der man bei Subways aus 200 Optionen sein individuelles Sandwich zusammenstellen kann haben sie einfach keine Lust mehr auf vorkonfigurierte Leberwurstsemmeln.

Was also macht der innovative TV-Sender? Er entpackt, auf engl. “unbundling”, sein Programm und versucht es den jungen (und midlife-crisis-geplagten) Wilden auf anderen Wegen nachzutragen. Unbundling erinnert an die ersten Versuche der Versandhäuser (z.B. Quelle und Neckermann, falls sich noch jemand an die erinnert) Ihre Angebote ins Internet zu bringen. Da wurden Kataloge einfach digitalisiert und man konnte sich die Katalogseiten anschliessend im Web anschauen. Super!. Vielleicht gibt’s die deswegen auch nicht mehr.

Wer keine Lust auf vordefinierte Unterhaltung hat, soll sich einfach sein eigenes Programm aus vorhandenen Programminhalten zusammenstellen. Geht es nach dem Willen der Sender, soll man für diese Dienstleistung am besten auch noch bezahlen.

Vielleicht ist es an der Zeit, Fernsehen und die Rolle der Fernsehsender neu zu definieren. Die technischen Möglichkeiten sind heute bereits vorhanden, aber in den Köpfen der Sender und Programmmacher ist es immer noch vorgestern. Selbst so hippe und sich jung gebende Sender wie joiz, setzen weiterhin auf starre Progammabläufe gepaart mit forcierter Interaktivität und Moderatoren die sich gebärden wie Meerschweinchen auf Ecstasy.

Unbundling möchte Programmelemente die für ein lineares Programm entwickelt wurden, non-linear anbieten, oder in anderer Zusammensetzung linear über das Web zu streamen. Ein mehr oder weniger individuell zusammengestelltes Programmangebot das dann startet, wenn der Zuschauer (oder “User”) Lust dazu hat. Hier kann er nach eigenem Geschmack vor- oder zurückspulen bis der Daumen qualmt. Die Sache hat nur einen kleinen Haken. Fernsehen ist immer noch, oder gerade wieder, ein Gemeinschaftserlebnis. Sass die Gemeinschaft (Familie?) früher vereint vor der Flimmerkiste, versammelt sich die Gemeinschaft (Community) jetzt virtuell vor’m Flatscreen. Was wäre Germany’s Next Topmoppel ohne die verträumten oder bissigen Kommentare der eigenen Hoodies? Genau! Nix!
Es gibt also Ausnahmen. Bestimmte Events brauchen einfach eine vorgegebene Zeit damit sich die Crowd dort verabreden und treffen kann. Diese Events werden also auch weiterhin zu festen Zeiten im Programm erscheinen. (Wenn man sich zum gemeinsamen Kinoabend verabredet geht ja auch nicht jeder zu einer anderen Zeit in die Vorstellung und redet anschliessend drüber)

Die Lücken zwischen den festen Events könnte man aber, mit auf die Person individuell zugeschnittenen Inhalten füllen. Fühlt man sich beim Ansehen eines individuellen Beitrages einsam, so kann man immer noch Freunde oder Gleichgesinnte zum virtuellen Gemeinschaftserlebnis einladen. Wie heute aber eben anders.

Was also bedeutet dies für die Sender, Programmmacher und Redaktionen? UCA (User Created Anarchy) oder neue Chancen?
Beides! Das Fernsehen der Vergangenheit wird zwar noch (etwas) weiterleben, aber auch die ewig gestrigen verschwinden irgendwann im Archiv. Das Fernsehen der Zukunft wird individueller, flexibler und abwechslungsreicher. Die Fokussierung auf einen Sender wird dann (vielleicht) abgelöst durch ein Programm das sich aus den Inhalten verschiedener Anbieter (heute noch: Sender) zusammensetzen wird. Der klassische TV-Sender wird zum Produzenten von selbstproduzierten Inhalten die er zuerst über eigene Kanäle und anschliessend über Aggregatoren vermarken kann. Netflix hat mit der Produktion eigener Inhalte wie z.B. “House of Cards” diesen Weg bereits beschritten. Dabei ist es aber durchaus möglich gleichzeitig Produzent und Aggregator zu sein

Es ist also an der Zeit, fernsehen neu zu definieren und “unbundling” ist wahrscheinlich nur ein erster Schritt in diese Richtung.

One comment

  • Ja, lieber Kollege, das spricht mir aus der Seele. Vielleicht muss man nicht nur Freunde und Gleichgesinnte zum virtuellen Gemeinschaftserlebnis einladen. Vielleicht kann man es ja erweitern auf einer eigenen Plattform dazu. Die Redaktion sind die User, eine weltweit vernetzte Community, die alles auf der Plattform zusammenträgt und damit ihren eigenen Sender kreiert.
    Grüße aus dem sommerlichen Hamburg

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